



21. - 22.10.2005
Fading Documents - Das Dokument zwischen Fakt und Fiktion (in deutsch)
In Kooperation mit der Humboldt-Universität und der Bundeszentrale für
politische Bildung.
In der Hauptausstellung des Berlin-Photography Festivals hat sich
der extern berufene Kurator Jan-Erik Lundstöm die Aufgabe gestellt,
unter dem Titel After the Fact die Bedeutung und den Umgang mit dem
”Dokumentarischen” auszuloten.
After the fact impliziert einen Verlust, an den sich unmittelbar
mehrere Fragen anschließen: Ist er medial bedingt? Wer konstatiert
diesen Verlust? Woher rührt er? Wie äußert er sich? Wird er überhaupt
als solcher wahrgenommen? Wie wird auf ihn künstlerisch reagiert? Was
ist demnach die Folge, sollte es diesen Verlust denn geben?
Ein ”Ende”, nach dem der Malerei oder der Kunstgeschichte, wurde schon
vor Jahren auch der Fotografie bescheinigt: 1992 sprach Geoffrey
Batchen von "Post-Photography" , Florian Rötzer ein Jahr später von
"Fotografie nach der Fotografie" , um nur zwei prominente Positionen zu
nennen.
Ausgangspunkt dieser Diskussion ist die Entwicklung digitaler
Bildgenerierung und Bildmanipulation, durch die das technische Bild den
Status einer Malerei gewinnt. Die sich hier eröffnende Spanne zwischen
Bild und Abbild, zwischen Konstruktion und Realität, wird von einem
weiteren Phänomen überlagert: der Verbreitung, Zugänglichkeit und
Handhabbarkeit der Technik, die die breite Masse zu Bildproduzenten
werden läßt.
In Verbindung mit unhierarchischen Verbreitungsinstrumenten wie dem
Internet eröffnen sich technische und marktstrategische sowie
gesellschaftspolitische und anthropologische Fragen, die das Symposium
aufgreifen will.
An keinem anderen Medium können die Wahrnehmungsgewohnheiten so präzise
untersucht werden, wie an der Fotografie. Dient sie einerseits der
Dokumentation des Weltgeschehens, zeichnet sich andererseits ein
scheinbar aufgeklärtes Bildbewußtsein durch das selbstverständliche
Zugeständnis aus, dass keinem Bild zu trauen sei. Der Widerspruch
zwischen persönlicher Verwendung und öffentlicher Wahrnehmung, zwischen
Glaube und Bewußtsein, wird von künstlerischer wie kuratorischer Seite
seit Jahren thematisiert. Ausstellungen wie Fotografie nach der
Fotografie (1995), The truth about the nearly real (2002), Wirklich
wahr! Realitätsversprechen von Fotografien (2004) oder Documentary
Creations (2005) reflektieren dieses Verhältnis, während der
dokumentarische Ansatz in der Fotografie gleichzeitig eine
bemerkenswerte Renaissance erlebt.
So finden Fotografien Eingang in die Archive der Künstler, deren
Arbeiten das Bilddokument selbst zur Debatte stellen. Unter Verwendung
der institutionalisierten Formen des Dokumentarischen, die in die
Ästhetik der Kunst überführt und durch sie konterkariert werden,
sortieren und fiktionalisieren Künstler vorhandenes Bildmaterial. Sie
greifen auf eine sich im öffentlichen Raum vollziehende Verschmelzung
von privater, sozialer und politischer Wirklichkeit zurück, die
Parallelrealitäten erzeugt, um diese wiederum zu entlarven.
Was hat dies einerseits für die Wahrnehmung von Fotografien zu bedeuten
und welche Konsequenzen ergeben sich andererseits für das Medium
selbst? Gibt es überhaupt noch eine bildliche Dokumentation?
Anlaß und Ausgangspunkt des Symposiums, auf dem die historischen
Voraussetzungen ebenso wie die konkreten Auswirkungen und Perspektiven
einer solchen Entwicklung zu diskutieren sind, ist die Frage nach den
gegenwärtigen Grenzen und der Bedeutung des Dokumentarischen für Kunst
und Kultur.
Damit widmet sich das Symposium zwei großen Streitpunkten der
Dokumentation: ihrer Unverzichtbarkeit und ihrer Macht, die in Form
einer systematischen Konfrontation in den Bereichen Wissenschaft, Kunst
und Politik aufeinander bezogen werden. Bilderkriege toben überall –
von der Zerstörung der Buddha-Statuen durch die Taliban über Zweifel an
wissenschaftlichen Bildtechniken bis hin zur Entlarvung manipulativer
Mediendarstellungen. Ein Ziel des Symposiums ist es, die hinter dem
Ikonoklasmus stehenden Prinzipien zu vermitteln, indem Wissenschaftler,
Künstler und Kuratoren ihre Ansichten zum Dokumentarischen referieren.
Ort
Martin-Gropius-Bau
Kinosaal
Niederkirchnerstr. 7
10963 Berlin
+ 49 30 254 86-0
www.photography-festival-berlin.de
Konzept
Maren Polte, Humboldt-Universität Berlin
Organisation
Maren Polte, Humboldt-Universität zu Berlin und
Dr. Matthias Harder, Helmut Newton Stiftung, Berlin
Kontakt
maren.polte@culture.hu-berlin.de